Heilwässer werden von der Menschheit seit jeher als therapeutisches Mittel genützt

Quellen liefern Durstlöscher und Therapeutikum in einem.

Wien. Antriebslosigkeit, Unruhe, Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche wird heutzutage vielfach mit Energydrinks zu Leibe gerückt. Wie viel mehr Energie   allerdings Wasser liefert, betont Florian Überall, Biochemiker an der Medizinischen Universität Innsbruck, im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“.

Hydrogencarbonate gleichen den Säure-Basenhaushalt im Körper aus und sorgen für einen gleichbleibenden pH-Wert des Blutes. Sulfate dienen der  Darmreinigung, Magnesium und Kalzium unterstützen die Muskelfunktion. Besonders Heilwässer besitzen eine hohe Konzentration solcher Inhaltsstoffe. Und  gerade Trinkkuren gewinnen heutzutage wieder mehr an Bedeutung und sind ein fester Bestandteil medizinischer Prophylaxe und Therapie.

Jedoch weiß der Normalbürger nur wenig über die Teilchen, die im Wasser gelöst sind, sagt Überall. So zeigt die sogenannte Osmolarität von Flüssigkeiten den Anteil der gelösten Stoffe und damit die Bereitschaft der Flüssigkeit an, diese dem Körper zur Verfü- gung zu stellen. Blut weist eine durchschnittliche Osmolarität von
280 bis 290 Milliosmol je Liter auf. Bei Schweiß sind es hingegen nur 80 bis 185 Milliosmol. Daher sollte nach einem durchschnittlichen Schweißverlust eine  sogenannte hypotone Flüssigkeit – mit niedrigem osmotischen Druck – wie etwa Mineralwasser, Heilwasser, Leitungswasser, ungezuckerter Früchtetee oder  Diätlimonade getrunken werden, die in der Teilchenlösung Schweiß ähnelt.

Isotonische Sportgetränke liegen aber bei einem Durchschnitt von etwa 300 Milliosmol und sind stark kohlenhydrathältig. „Dabei kommt es zwar kurzfristig zu  einem Hype, sie sind aber für einen lang andauernden Trinkgenuss absolut ungeeignet“, betont Überall. Der Körper wird dadurch unnötig gefordert, den hohen Zuckeranteil wieder abzubauen. Man muss der Zelle die Möglichkeit geben, etwa Magnesium und Kalzium aufzunehmen, wenn sie es braucht, und auch Stoffe abzugeben. Dazu ist es notwendig, den Raum zwischen den Zellen, den extrazellulären Raum, der als Partikelfilter dient, fit zu halten. Wenn dieser verstopft,  können weder Schlackstoffe von der Zelle gut abtransportiert noch benötigte Stoffe aufgenommen werden. Um diese Bioverfügbarkeit gewährleisten zu können, benötigt der menschliche Körper ausreichend Wasser. Überall rät zu einem guten Mix von Mineral-, Heil- und Leitungswasser. Kohlenhydrate sollte man  hingegen nur „sparsam und mit Hausverstand“ einsetzen. Eine positive Wirkung von Wasser merkt man „an der erhöhten Spannkraft der Haut, dem verringerten Zungenbelag und der Grundeinstellung gegenüber Stress“.

Artesische Quellen

Noch vor 100 Jahren wurden nur jene Heilwässer verwendet, die von selbst zu Tage getreten sind – sogenannte artesische Wässer. Davon sprudeln in ganz   Österreich ein paar Quellen – so etwa von Bad Vöslau in Niederösterreich über Warmbad-Villach in Kärnten bis hin zu Mehrn in Tirol. Heute werden Bohrungen auf bis zu 3000 Meter Tiefe durchgeführt, was die Gefahr birgt, Stoffe heraufzubefördern, die der Gesundheit abträglich sind, wie der Balneologe Wolfgang Marktl vom Institut für Physiologie der Uni Wien betont. In Folge kommt es zu einer selektiven Entfernung etwa von giftigem Arsen oder Radium, m das Wasser nutzbar zu machen. Dieses stammt dann zwar aus derselben Quelle, darf aber vom Gesetz her nicht mehr Heilwasser genannt werden. Denn:  Einerseits muss Heilwasser mindestens ein Gramm pro Liter an Mineralstoffen aufweisen. Andererseits muss es ohne Veränderung der natürlichen  Zusammensetzung eine Heilwirkung aus- üben oder auslösen können. Heilwässer kommen vorwiegend in Form von Therapien – Trink-, Bäderkuren, Inhalationen – zum Einsatz. Nicht verwechselndarf    man sie allerdings mit Thermalquellen, wie Marktl betont. Denn jedes Wasser, das mit mindestens 20 Grad Celsius aus dem Boden sprudelt, wird als  Thermalwasser bezeichnet, was allerdings nicht ausschließt, dass auch dieses feste Inhaltsstoffe aufweisen kann. Außerdem werden für Wellnessanlagen häufig die Inhalts stoffe, zum Beispiel Schwefel, reduziert – sonst könnte man nicht ewig lange drinnen pritscheln – und  das Nass aus hygienischen Gründen mit Chlor versetzt. Schon zur Römerzeit waren die Heilwässer als effizientes therapeutisches Heilmittel geschätzt. Mit dem Aufkommen der HighTech-Medizinsind sie nach    und nach aus dem Alltag verschwunden. Die Balneologie (Bäderkunde) war einstmals ein anerkanntes Fach – sie führt heute allerdings ein eher stiefmütterliches Dasein, so Marktl.

Trinkkur als Prophylaxe

In Form einer Kur wird üblicherweise eine Anwendung von mindestens drei Wochen empfohlen, damit die Selbstheilungskräfte effektiv angekurbelt werden  können. Der Balneologe rät allerdings zu einem behutsamem Umgang mit Heilwässern. Da es für diese keine oberen Grenzwerte gibt, müsse man vorsichtig damit umgehen, um keine Nebenwirkungen zu riskieren. Dem widerspricht der Biochemiker Überall teilweise. „Angesichts des eklatanten chronischenWassermangels des Menschen muss auch an einen länger andauernden Wasserkonsum gedacht werden.“ Er plädiert dafür, sich mehr mit Wasser  zu beschäftigen, und wenn es der Körper nicht gewohnt ist, erst nach und nach den Wasserkonsum zu steigern und sehr wohl Heilwasser im Hausgebrauch – als Trinkkur, aber auch im Alltag    abwechselnd mit Mineral- und Leitungswasser – einzusetzen. Denn „Wasser – vor allem jenes mit wichtigen Mineralstoffen – ist ein Universalgenie und schützt vor chronischen Erkrankungen des Körpers und der Seele“. Es schützt vor dem Verlust wichtiger Aminosäuren und ist damit „das beste Antischmerzmittel, Antistressmittel, und es wirkt gegen Allergien, Depressionen und Burnout“.